І – Buchstabe I desjateritschnoje, Russische Schreibschrift
І ist das i mit Punkt, nach seinem früheren Zahlwert auch „dezimales i“ genannt. Bis zur Rechtschreibreform von 1918, die es in и aufgehen ließ, schrieb es im Russischen den Vokal /i/.


Geschichte
Das і mit Punkt, nach seinem einstigen Zahlwert auch dezimales i oder i mit weichem Punkt genannt, gehört zur kyrillischen Schrift. Meist bezeichnet es /i/, einen geschlossenen Vorderzungenvokal ohne Lippenrundung, wie ihn das ie in „Liebe“ hat, und recht häufig, wenn auch nicht immer, entspricht es dem И, wie das Russische es verwendet. Im Russischen war es bis zur Rechtschreibreform von 1918 in Gebrauch; erhalten hat es sich in den Orthographien des Belarussischen, Kasachischen, Chakassischen, Komi, Karpato-Russinischen und Ukrainischen. Im ukrainischen Alphabet ist es der zwölfte Buchstabe und schreibt [i], im belarussischen der zehnte, während das Kasachische und das Chakassische ihm den Wert /ɘ/ geben.
Wie bei den lateinischen Buchstaben I und J sitzt der Punkt nur auf der Kleinform, und auch dort nur, wenn nicht schon ein anderes diakritisches Zeichen über dem Buchstaben steht, wie im ukrainischen ї. Selbst ohne solche Konkurrenz fehlt der Punkt in historischen Texten manchmal, genau wie es früher beim lateinischen i und j geschah, und einige heutige Texte und Schriftstile verzichten auf den weichen Punkt, weil man den Text auch ohne ihn lesen kann; Schreibschriften bilden dabei die Ausnahme. Die geltenden amtlichen Regeln der belarussischen Rechtschreibung von 2008 lassen das gedruckte große І ohne Punkt, verlangen ihn aber beim kleinen und beim handgeschriebenen großen Buchstaben.
Die russische Kursive, in der die meisten Privatbriefe und Schularbeiten geschrieben sind, wuchs im 18. Jahrhundert aus der Skoropis heraus, jener raschen Kanzleihand des 14. bis 17. Jahrhunderts, die ihrerseits den älteren kyrillischen Buchschriften Ustav und Poluustav entstammte. Als handschriftliche Entsprechung der bürgerlichen, petrinischen Buchdruckschrift setzte sie sich durch, und heutige kyrillische Kursivtypen entlehnen ihr den Großteil ihrer Kleinbuchstaben.
Mit der von Alexei Schachmatow ausgearbeiteten Reform, die bald nach der Revolution vom November 1917 umgesetzt wurde, fiel і mit и zusammen: Іисусъ Христосъ wurde zu Иисус Христос, раіонъ zu район und Россія zu Россия. Gängige Praxis war es, die Lettern І, Ѳ und Ѣ gewaltsam aus den Druckereien zu schaffen. Kritiker hielten dagegen, gerade Ии zum einzigen Zeichen für diesen Laut zu machen, widerspreche dem Ziel der Vereinfachung, denn es beanspruche mehr Raum und sei mitunter kaum von Шш zu unterscheiden; außerdem fielen Wörter zusammen, die die Schreibung bis dahin auseinandergehalten hatte: миръ und мiръ, Frieden und Welt, wurden gleichermaßen zu мир.