Sütterlinschrift: die Geschichte
Die Sütterlinschrift wurde für Kinder entworfen, kaum eine Generation lang gelehrt und dann verboten. Trotzdem schrieben viele Deutsche, die mit ihr aufgewachsen waren, noch lange nach dem Verbot in ihr.
Inhalt6 Abschnitte
Das Alphabet, von Hand geschrieben
Alle 26 Buchstaben, groß und klein. Jeder führt zu seiner eigenen Seite.
Zwei Schreibschriften und eine Stahlfeder
Die Sütterlinschrift ist die letzte weit verbreitete Form der Kurrent, der älteren deutschen Handschrift.[1] Die Kurrent selbst ist aus der Kursive des späten Mittelalters hervorgegangen. Im Lauf ihrer langen Geschichte, die bis ins frühe 20. Jahrhundert reichte, nahmen viele ihrer Buchstaben Nebenformen an.[2] Im England des 19. Jahrhunderts kam es in Mode, mit der neu entwickelten stählernen Spitzfeder zu schreiben.[3] Die stark geneigte englische Schreibschrift, mit langen Ober- und Unterlängen und einem Strich, der je nach Druck anschwillt und wieder dünner wird, wirkt dekorativ, ist technisch aber schwer zu schreiben.[4] Auch in Deutschland verbreitete sich die Spitzfeder schnell und bestimmte, wie die Handschrift des 19. Jahrhunderts aussah.[5]
Man schrieb damals in Deutschland zwei Schreibschriften: die Kurrent, auch deutsche Schrift genannt, und eine lateinische Schreibschrift.[6] Welche man wählte, hing von Ort, Inhalt und Zusammenhang ab, und es war üblich, mitten im Satz von der einen zur anderen zu springen.[7]
Ludwig Sütterlin und der Auftrag von 1911
Karl Ludwig Sütterlin kam am 23. Juli 1865 in Lahr im Schwarzwald zur Welt.[8] Von 1879 bis 1884 machte er in Lahr eine Lehre als Lithograph.[9] Danach arbeitete er in diesem Beruf, zuerst in Frankfurt am Main und ab 1888 in Berlin.[10] Seine Plakatentwürfe fanden große Beachtung, darunter das Hammerplakat für die Berliner Gewerbeausstellung von 1896.[11] Von 1904 bis 1917 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin.[12]
1911 entwickelte er im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums eine Ausgangsschrift, an der Kinder das verbundene Schreiben lernen sollten.[13] Der alte Schwellzug der Federkielschrift hatte eine unnatürliche Handhaltung, wechselnden Druck und viel Übung verlangt, und Grundschüler scheiterten oft daran.[14] Sütterlin knüpfte stattdessen an die Ideen des Schriftreformers Rudolf von Larisch an, den er schätzte, und entwickelte für Schreibanfänger eine Methode, die Kindern besser entsprach.[15] Er ließ die Kinder mit einer Kugelspitzfeder schreiben, die einen gleichmäßigen Strich zieht, vereinfachte die Buchstabenformen und verkürzte die Ober- und Unterlängen.[16] Die Lineatur teilte er im Verhältnis 1:1:1.[17] Die recht breiten Buchstaben stellte er aufrecht.[18] Dazu schuf er eine lateinische Ausgangsschrift im passenden Stil.[19] Mit dem Namen Sütterlinschrift ist diese lateinische Schrift allerdings nicht gemeint.[20] Nach seinen eigenen Worten sollten die neuen Buchstaben nicht mehr sein als schlichte Vorbilder für den ersten Unterricht.[21]
1914 wurde die Schrift dem preußischen Kultusminister und einem Ausschuss von Sachverständigen vorgelegt, die sie für brauchbar befanden.[22] Ein Erlass vom 8. Juli 1915 führte sie in Preußen zunächst versuchsweise ein; ein weiterer vom 13. Juni 1918 machte sie für ganz Preußen verbindlich.[23] Thüringen folgte 1929, Hessen 1930, Baden und Danzig 1931.[24] Im November 1917 wurde Sütterlin an der Anstalt zum Professor ernannt, starb aber schon am 20. November 1917 unerwartet an einem Schlaganfall, 52 Jahre alt.[25]
Vom Schulversuch zur einzigen Schulschrift, dann das Verbot von 1941
In den 1920er-Jahren begann die Sütterlinschrift, die bis dahin übliche Form der Kurrent zu verdrängen.[26] 1935 kam eine abgewandelte Fassung mit leichter Schräglage und weniger Rundformen als Deutsche Volksschrift in den amtlichen Lehrplan.[27] Im selben Jahr wurde sie offiziell zur einzigen deutschen Schrift, die an Schulen unterrichtet wurde.[28]
Am 3. Januar 1941 wurde verboten, gebrochene Druckschriften, also Frakturtypen, zu verwenden.[29] An den Schulen hielt sich Sütterlins Schrift, bis der Schrifterlass von 1941 die gebrochenen Schriften untersagte.[30] An ihre Stelle setzte die NSDAP Schriften nach italienischem Vorbild wie die Antiqua.[31] Im Gefolge des Normalschrifterlasses untersagte ein Rundschreiben vom 1. September 1941, im Unterricht noch Kurrent zu lehren.[32] Ab dem Schuljahr 1941/42 blieb allein die sogenannte Normalschrift übrig.[33] Ab 1942 lernten die Kinder als Ausgangsschrift eine Spielart der lateinischen Schrift, die Deutsche Normalschrift, mit den Proportionen 2:3:2, Schräglage und ovalen Formen.[34]
Nach 1945: eine Schrift, die ihr Verbot überlebte
Nach 1945 galt der Normalschrifterlass des NS-Regimes nicht mehr.[35] Die lateinische Schreibschrift blieb dennoch die übliche Schulschrift.[36] In Westdeutschland trat ab 1953 an die Stelle der Normalschrift die Lateinische Ausgangsschrift, die der Iserlohner Schreibkreis aus ihr entwickelt hatte und die ihrerseits auf Sütterlins eigene lateinische Ausgangsschrift zurückging.[37]
Viele Deutschsprachige, die mit der Sütterlinschrift aufgewachsen waren, schrieben sie bis weit in die Nachkriegszeit hinein.[38] An west- und ostdeutschen Schulen wurde die Kurrent nur noch teilweise unterrichtet, als Zugabe zur lateinischen Ausgangsschrift.[39] Damit war es in den 1980er-Jahren vorbei, als die älteren Jahrgänge, die die Kurrent noch sicher und manche aus Gewohnheit weiter schrieben, aus dem Berufsleben ausgeschieden waren.[40] In der deutschen Mathematik bezeichnete man Matrizen bis ins späte 20. Jahrhundert mit großen und Vektoren mit kleinen Sütterlinbuchstaben.[41]
Im Alltag heißt die Schrift oft einfach Sütterlin.[42] Der Name wird auch recht frei für mehrere ähnliche Spielarten der alten deutschen Handschrift gebraucht.[43]
Ein Dokument in Sütterlinschrift lesen
Prüfen Sie zuerst die Daten: Sütterlins eigene Schrift wurde an deutschen Schulen nur von 1915 bis 1941 gelehrt.[44] Die Sütterlinschrift baute als moderne Schrift auf der Kurrent auf, vereinfachte deren Buchstaben und stellte die Striche senkrecht; ein älterer Familienbrief, den man „Sütterlin“ nennt, kann deshalb in Wahrheit in Kurrent geschrieben sein.[45] Rechnen Sie mit zwei Formen des kleinen s, von denen die zweite am Silbenende steht.[46] Das lange s (ſ) bleibt erhalten, dazu mehrere feste Ligaturen.[47] Die Form des ß verrät noch, dass es aus ſz entstanden ist.[48]
Das kleine e besteht aus zwei dicht nebeneinanderstehenden senkrechten Strichen; aus dieser Gestalt ist das Umlautzeichen hervorgegangen.[49] Das Zeichen über ä, ö und ü hat dieselbe Form wie dieses e und kann deshalb eher wie ein winziges e aussehen als wie zwei Punkte.[50] Ein Strich über m oder n steht für ein verdoppeltes mm oder nn.[51]
Achten Sie darauf, ob mitten in der Zeile die Schrift wechselt: Ein französisches Wort oder ein französischer Ortsname wurde zum Beispiel in lateinischer Schreibschrift geschrieben, rundherum Kurrent.[52] Wenn Sie an einer Seite nicht weiterkommen: In Deutschland gibt es Initiativen und Vereine, die beim Entziffern von Texten in Sütterlin und anderen Kurrentschriften helfen.[53] Dazu gehören etwa die Sütterlin-Schreibstube in Konstanz und die Sütterlinstube Hamburg.[54]
Quellen
- [1]Sütterlin — Wikipedia — Sütterlin als letzte weit verbreitete Form der Kurrent
- [2]Kurrent — Wikipedia — Herkunft der Kurrent und Nebenformen ihrer Buchstaben
- [3]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — stählerne Spitzfeder in England in Mode
- [4]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — englische Spitzfederschrift schwer zu schreiben
- [5]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Spitzfeder in Deutschland
- [6]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — zwei Schreibschriften in Deutschland
- [7]Kurrent — Wikipedia — Wechsel zwischen Kurrent und lateinischer Schreibschrift
- [8]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Geburtsdatum und Geburtsort
- [9]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Lithographenlehre
- [10]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Frankfurt, ab 1888 Berlin
- [11]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Plakatentwürfe, Hammerplakat 1896
- [12]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Lehrtätigkeit 1904–1917
- [13]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Auftrag von 1911; eine Ausgangsschrift für die Schule
- [14]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — der Schwellzug als Hürde für Kinder
- [15]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Einfluss von Larisch; kindgerechte Methode
- [16]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Kugelspitzfeder, vereinfachte Buchstaben, kürzere Ober- und Unterlängen
- [17]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Lineatur 1:1:1
- [18]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — aufrechte, breite Buchstaben
- [19]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — passende lateinische Ausgangsschrift
- [20]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — die lateinische Ausgangsschrift heißt nicht Sütterlinschrift
- [21]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Sütterlins eigene Beschreibung
- [22]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Vorlage 1914 bei Minister und Sachverständigen
- [23]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Erlasse von 1915 und 1918
- [24]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Übernahme durch andere Länder
- [25]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Professur und Tod
- [26]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Ablösung der Kurrent ab den 1920er Jahren
- [27]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Deutsche Volksschrift 1935
- [28]Sütterlin — Wikipedia — einzige deutsche Schulschrift ab 1935
- [29]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Verbot der Frakturtypen am 3. Januar 1941
- [30]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — an den Schulen bis zum Verbot 1941
- [31]Sütterlin — Wikipedia — Ersatz durch Schriften wie die Antiqua
- [32]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Rundschreiben vom 1. September 1941
- [33]Sütterlin — Wikipedia — nur noch Normalschrift ab 1941/42
- [34]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Deutsche Normalschrift ab 1942
- [35]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Erlass nach 1945 ungültig
- [36]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — lateinische Schreibschrift bleibt Standard
- [37]Ludwig Sütterlin (Grafiker) — Wikipedia (de) — Lateinische Ausgangsschrift ab 1953 und ihre Wurzeln bei Sütterlin
- [38]Sütterlin — Wikipedia — Weitergebrauch nach dem Krieg
- [39]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — nur noch teilweise gelehrt nach dem Krieg
- [40]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Ende in den 1980er Jahren
- [41]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Sütterlinbuchstaben in der Mathematik
- [42]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — umgangssprachlicher Kurzname
- [43]Sütterlin — Wikipedia — lockerer Gebrauch des Namens
- [44]Sütterlin — Wikipedia — gelehrt 1915–1941
- [45]Kurrent — Wikipedia — Sütterlin beruht auf der Kurrent
- [46]Sütterlin — Wikipedia — zwei Formen des kleinen s
- [47]Sütterlin — Wikipedia — langes s und Ligaturen
- [48]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — ß aus ſz
- [49]Sütterlin — Wikipedia — e aus zwei Strichen; Ursprung des Umlautzeichens
- [50]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Umlautzeichen gleicht dem e
- [51]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — überstrichenes m und n
- [52]Kurrent — Wikipedia — lateinische Schrift für französische Wörter
- [53]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Hilfe beim Entziffern
- [54]Sütterlinschrift — Wikipedia (de) — Beispiele in Konstanz und Hamburg