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Sütterlinschrift: die Geschichte

5 Min. Lesezeit•1915 — 1941

Die Sütterlinschrift wurde für Kinder entworfen, kaum eine Generation lang gelehrt und dann verboten. Trotzdem schrieben viele Deutsche, die mit ihr aufgewachsen waren, noch lange nach dem Verbot in ihr.

Inhalt6 Abschnitte

Das Alphabet, von Hand geschrieben

Alle 26 Buchstaben, groß und klein. Jeder führt zu seiner eigenen Seite.

Zwei Schreibschriften und eine Stahlfeder

Die Sütterlinschrift ist die letzte weit verbreitete Form der Kurrent, der älteren deutschen Handschrift.[1] Die Kurrent selbst ist aus der Kursive des späten Mittelalters hervorgegangen. Im Lauf ihrer langen Geschichte, die bis ins frühe 20. Jahrhundert reichte, nahmen viele ihrer Buchstaben Nebenformen an.[2] Im England des 19. Jahrhunderts kam es in Mode, mit der neu entwickelten stählernen Spitzfeder zu schreiben.[3] Die stark geneigte englische Schreibschrift, mit langen Ober- und Unterlängen und einem Strich, der je nach Druck anschwillt und wieder dünner wird, wirkt dekorativ, ist technisch aber schwer zu schreiben.[4] Auch in Deutschland verbreitete sich die Spitzfeder schnell und bestimmte, wie die Handschrift des 19. Jahrhunderts aussah.[5]

Man schrieb damals in Deutschland zwei Schreibschriften: die Kurrent, auch deutsche Schrift genannt, und eine lateinische Schreibschrift.[6] Welche man wählte, hing von Ort, Inhalt und Zusammenhang ab, und es war üblich, mitten im Satz von der einen zur anderen zu springen.[7]

Ludwig Sütterlin und der Auftrag von 1911

Karl Ludwig Sütterlin kam am 23. Juli 1865 in Lahr im Schwarzwald zur Welt.[8] Von 1879 bis 1884 machte er in Lahr eine Lehre als Lithograph.[9] Danach arbeitete er in diesem Beruf, zuerst in Frankfurt am Main und ab 1888 in Berlin.[10] Seine Plakatentwürfe fanden große Beachtung, darunter das Hammerplakat für die Berliner Gewerbeausstellung von 1896.[11] Von 1904 bis 1917 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin.[12]

1911 entwickelte er im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums eine Ausgangsschrift, an der Kinder das verbundene Schreiben lernen sollten.[13] Der alte Schwellzug der Federkielschrift hatte eine unnatürliche Handhaltung, wechselnden Druck und viel Übung verlangt, und Grundschüler scheiterten oft daran.[14] Sütterlin knüpfte stattdessen an die Ideen des Schriftreformers Rudolf von Larisch an, den er schätzte, und entwickelte für Schreibanfänger eine Methode, die Kindern besser entsprach.[15] Er ließ die Kinder mit einer Kugelspitzfeder schreiben, die einen gleichmäßigen Strich zieht, vereinfachte die Buchstabenformen und verkürzte die Ober- und Unterlängen.[16] Die Lineatur teilte er im Verhältnis 1:1:1.[17] Die recht breiten Buchstaben stellte er aufrecht.[18] Dazu schuf er eine lateinische Ausgangsschrift im passenden Stil.[19] Mit dem Namen Sütterlinschrift ist diese lateinische Schrift allerdings nicht gemeint.[20] Nach seinen eigenen Worten sollten die neuen Buchstaben nicht mehr sein als schlichte Vorbilder für den ersten Unterricht.[21]

1914 wurde die Schrift dem preußischen Kultusminister und einem Ausschuss von Sachverständigen vorgelegt, die sie für brauchbar befanden.[22] Ein Erlass vom 8. Juli 1915 führte sie in Preußen zunächst versuchsweise ein; ein weiterer vom 13. Juni 1918 machte sie für ganz Preußen verbindlich.[23] Thüringen folgte 1929, Hessen 1930, Baden und Danzig 1931.[24] Im November 1917 wurde Sütterlin an der Anstalt zum Professor ernannt, starb aber schon am 20. November 1917 unerwartet an einem Schlaganfall, 52 Jahre alt.[25]

Vom Schulversuch zur einzigen Schulschrift, dann das Verbot von 1941

In den 1920er-Jahren begann die Sütterlinschrift, die bis dahin übliche Form der Kurrent zu verdrängen.[26] 1935 kam eine abgewandelte Fassung mit leichter Schräglage und weniger Rundformen als Deutsche Volksschrift in den amtlichen Lehrplan.[27] Im selben Jahr wurde sie offiziell zur einzigen deutschen Schrift, die an Schulen unterrichtet wurde.[28]

Am 3. Januar 1941 wurde verboten, gebrochene Druckschriften, also Frakturtypen, zu verwenden.[29] An den Schulen hielt sich Sütterlins Schrift, bis der Schrifterlass von 1941 die gebrochenen Schriften untersagte.[30] An ihre Stelle setzte die NSDAP Schriften nach italienischem Vorbild wie die Antiqua.[31] Im Gefolge des Normalschrifterlasses untersagte ein Rundschreiben vom 1. September 1941, im Unterricht noch Kurrent zu lehren.[32] Ab dem Schuljahr 1941/42 blieb allein die sogenannte Normalschrift übrig.[33] Ab 1942 lernten die Kinder als Ausgangsschrift eine Spielart der lateinischen Schrift, die Deutsche Normalschrift, mit den Proportionen 2:3:2, Schräglage und ovalen Formen.[34]

Nach 1945: eine Schrift, die ihr Verbot überlebte

Nach 1945 galt der Normalschrifterlass des NS-Regimes nicht mehr.[35] Die lateinische Schreibschrift blieb dennoch die übliche Schulschrift.[36] In Westdeutschland trat ab 1953 an die Stelle der Normalschrift die Lateinische Ausgangsschrift, die der Iserlohner Schreibkreis aus ihr entwickelt hatte und die ihrerseits auf Sütterlins eigene lateinische Ausgangsschrift zurückging.[37]

Viele Deutschsprachige, die mit der Sütterlinschrift aufgewachsen waren, schrieben sie bis weit in die Nachkriegszeit hinein.[38] An west- und ostdeutschen Schulen wurde die Kurrent nur noch teilweise unterrichtet, als Zugabe zur lateinischen Ausgangsschrift.[39] Damit war es in den 1980er-Jahren vorbei, als die älteren Jahrgänge, die die Kurrent noch sicher und manche aus Gewohnheit weiter schrieben, aus dem Berufsleben ausgeschieden waren.[40] In der deutschen Mathematik bezeichnete man Matrizen bis ins späte 20. Jahrhundert mit großen und Vektoren mit kleinen Sütterlinbuchstaben.[41]

Im Alltag heißt die Schrift oft einfach Sütterlin.[42] Der Name wird auch recht frei für mehrere ähnliche Spielarten der alten deutschen Handschrift gebraucht.[43]

Ein Dokument in Sütterlinschrift lesen

Prüfen Sie zuerst die Daten: Sütterlins eigene Schrift wurde an deutschen Schulen nur von 1915 bis 1941 gelehrt.[44] Die Sütterlinschrift baute als moderne Schrift auf der Kurrent auf, vereinfachte deren Buchstaben und stellte die Striche senkrecht; ein älterer Familienbrief, den man „Sütterlin“ nennt, kann deshalb in Wahrheit in Kurrent geschrieben sein.[45] Rechnen Sie mit zwei Formen des kleinen s, von denen die zweite am Silbenende steht.[46] Das lange s (ſ) bleibt erhalten, dazu mehrere feste Ligaturen.[47] Die Form des ß verrät noch, dass es aus ſz entstanden ist.[48]

Das kleine e besteht aus zwei dicht nebeneinanderstehenden senkrechten Strichen; aus dieser Gestalt ist das Umlautzeichen hervorgegangen.[49] Das Zeichen über ä, ö und ü hat dieselbe Form wie dieses e und kann deshalb eher wie ein winziges e aussehen als wie zwei Punkte.[50] Ein Strich über m oder n steht für ein verdoppeltes mm oder nn.[51]

Achten Sie darauf, ob mitten in der Zeile die Schrift wechselt: Ein französisches Wort oder ein französischer Ortsname wurde zum Beispiel in lateinischer Schreibschrift geschrieben, rundherum Kurrent.[52] Wenn Sie an einer Seite nicht weiterkommen: In Deutschland gibt es Initiativen und Vereine, die beim Entziffern von Texten in Sütterlin und anderen Kurrentschriften helfen.[53] Dazu gehören etwa die Sütterlin-Schreibstube in Konstanz und die Sütterlinstube Hamburg.[54]

Quellen