Kurrentschrift: die Geschichte
Ist ein alter Brief in Ihren Familienpapieren voller spitzer Zacken und steiler Schräglagen, handelt es sich wahrscheinlich um Kurrent: die deutsche Alltagsschrift, die vom 16. Jahrhundert an geschrieben wurde, bis man sie 1941 an den Schulen abschaffte.
Inhalt6 Abschnitte
Das Alphabet, von Hand geschrieben
Alle 26 Buchstaben, groß und klein. Jeder führt zu seiner eigenen Seite.
Von der Kanzleischrift zur Alltagsschrift
Die Kurrentschrift ist eine alte Handschrift, in der die deutsche Sprache geschrieben wurde.[1] Sie heißt auch deutsche Schreibschrift oder deutsche Schrift.[2] Ihr Name geht auf das lateinische currere, „laufen“, zurück.[3] Paläographisch zählt sie zu den gebrochenen Schriften.[4]
Entstanden ist sie im frühen 16. Jahrhundert aus der Kanzleibastarda, der Bastarda der Kanzleien.[5] Ab dem 16. Jahrhundert setzte sie sich im gesamten deutschen Sprachraum als übliche Verkehrsschrift durch.[6]
Von der runden lateinischen Schrift hebt sie sich durch ihre spitzen Winkel ab, denen sie den Namen Spitzschrift verdankt.[7] Dennoch weist auch die Kurrent viele Rundungen auf.[8]
Schreibschulen, ein Schulerlass und neue Federn
Im 17. und 18. Jahrhundert prägten vor allem die Nürnberger und die sächsische Schreibschule ihre Entwicklung.[9] In Preußen führte 1714 erstmals ein Erlass eine Normschrift an den Schulen ein.[10] Deren spitze, nach rechts geneigte Formen, die Rundungen so weit wie möglich vermieden, bürgerten sich auch in anderen deutschen Territorien ein.[11] So bestimmte eine schulische Ausgangsschrift die Entwicklung der Kurrent weit über Preußen hinaus.[12]
Geschrieben wurde die Kurrent anfangs typischerweise mit dem Federkiel.[13] Später kam auch die Bandzugfeder hinzu, mit der sich die Strichstärke je nach Schreibrichtung ändert.[14] Im 19. Jahrhundert veränderte die Einführung der metallenen Spitzfeder die Schrift erneut.[15] Ihre Neigung wurde dadurch steiler, bis hin zu 45 Grad.[16] Mit der Spitzfeder geschrieben, schwellen die Linien je nach Druck der Hand an und ab.[17]
Eine Schrift für das Deutsche, eine zweite daneben
Vor allem in Österreich wurde die Kurrent auch zur Amts- und Protokollschrift.[18] In der Schweiz blieb sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Alltag, in Ämtern und in Protokollen gebräuchlich.[19] Auch außerhalb des deutschen Sprachraums fasste sie in anderen nicht romanischen Sprachen Fuß, etwa im Dänischen, Norwegischen und Tschechischen.[20] In Dänemark und Norwegen, wo man sie „Gotisk skrift“ nannte, wurde sie mit geringen Abwandlungen bis 1875 verwendet.[21]
Die Kurrent diente hauptsächlich für Texte in der eigenen Sprache des Schreibers.[22] Für bestimmte Zwecke, etwa Überschriften, Eigennamen, Fremdsprachen und Briefe an Ausländer, griff man daneben zur lateinischen Schreibschrift.[23] Innerhalb eines einzigen Satzes zwischen beiden zu wechseln, war ganz normal.[24] Ein französischer Begriff oder ein französischer Ortsname etwa stand in lateinischer Schrift mitten in der Kurrent.[25]
Sütterlin, 1941 und das lange Verblassen
Ab 1911 leitete der Grafiker Ludwig Sütterlin in Preußen eine Überarbeitung und Normierung der Kurrent ein.[26] Er entwarf 1911 zwei Ausgangsschriften für den Schulgebrauch, eine deutsche und eine lateinische.[27] Seine deutsche Schrift ist eine moderne, auf der Kurrent beruhende Schrift mit vereinfachten Buchstaben und senkrechten Strichen.[28] Sie war für das Schreiben mit der Gleichzugfeder gedacht, die eine gleichmäßige Strichstärke zieht.[29] In Deutschland wurde sie mit Nachdruck eingeführt, weil sie sich grafisch einfacher formen lässt als die bis dahin übliche Kurrent.[30] Danach kam das Wort Kurrent in Deutschland außer Gebrauch.[31] Zwischen 1915 und der Zeit des Nationalsozialismus hielt die Sütterlinschrift nach und nach Einzug in die deutschen Schulen.[32] Österreichs Schulen übernahmen sie dagegen nicht; dort schrieb man weiter die traditionelle Kurrentschrift.[33]
Martin Bormanns Erlass vom 3. Januar 1941 ordnete zunächst an, Bücher und Zeitschriften nur noch in Antiqua statt in Fraktur zu drucken.[34] Am 1. September 1941 regelte das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mit dem Normalschrifterlass den Schreibunterricht an den Schulen neu.[35] Die neue deutsche Normalschrift war eine Form der lateinischen Schreibschrift, die auf Sütterlins eigenes lateinisches Alphabet zurückging.[36] Von 1942 bis 1945 durften die deutschen Schulen nur noch sie verwenden und lehren.[37]
Nach 1945 lehrten west- und ostdeutsche Schulen, teils bis in die 1970er und 1980er Jahre, die deutsche Schrift zusätzlich zur lateinischen, doch praktisch wurde sie kaum noch verwendet.[38] Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, vor allem nach ihrer Abschaffung an den Schulen 1941, schrieb man die Kurrent samt der Sütterlinschrift immer seltener.[39]
Ein Dokument in Kurrentschrift entziffern
Historiker, Wissenschaftler anderer Fächer und Familienforscher müssen die Kurrent beherrschen, um darin verfasste Dokumente lesen zu können.[40] Rechnen Sie mit einer rechtsschrägen Schrift, deren Oberlängen Schleifen tragen.[41] Das h und das z haben Schleifen an den Unterbögen.[42] Im langen Leben der Schrift, bis in den ersten Teil des 20. Jahrhunderts, bildeten viele Buchstaben Varianten aus, sodass Ihnen derselbe Buchstabe in mehr als einer Gestalt begegnen kann.[43]
Das e hat eine eigene, charakteristische Form, die an ein n erinnert.[44] Aus dieser Form des e sind historisch die Umlautpunkte entstanden.[45] Weil n und u sonst gleich aussehen, wird zur Unterscheidung ein Bogen über das u gesetzt.[46] Ein gerader Strich über einem n oder m ist ein Reduplikationsstrich.[47] Er zeigt an, dass der Konsonant verdoppelt ist.[48]
Achten Sie auf Schriftwechsel innerhalb eines Dokuments: Überschriften, Eigennamen und fremdsprachige Wörter können in die rundere lateinische Schreibschrift übergehen.[49] Manche Handschriften, denen Sie begegnen, sind in Sütterlin geschrieben; sie lässt sich leicht von anderen Kurrentschriften unterscheiden, an der gleichbleibenden Strichstärke, an den Breiten- und Höhenverhältnissen und an den aufrecht stehenden Buchstaben.[50]
Quellen
- [1]Kurrent — Wikipedia — Kurrent definiert
- [2]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — weitere deutsche Namen
- [3]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Herkunft vom lateinischen currere
- [4]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — zu den gebrochenen Schriften gezählt
- [5]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Entstehung im frühen 16. Jahrhundert aus der Kanzleibastarda
- [6]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Verkehrsschrift des deutschen Sprachraums ab dem 16. Jahrhundert
- [7]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — spitze Winkel, Spitzschrift
- [8]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — auch die Kurrent hat viele Rundungen
- [9]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Nürnberger und sächsische Schreibschule
- [10]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — preußischer Schulerlass von 1714
- [11]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Formen der Schrift von 1714 verbreiten sich in anderen Territorien
- [12]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Schulschrift prägt die Kurrent über Preußen hinaus
- [13]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — ursprünglich mit dem Federkiel geschrieben
- [14]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Bandzugfeder, richtungsabhängige Strichstärke
- [15]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — metallene Spitzfeder im 19. Jahrhundert
- [16]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Neigung bis 45 Grad
- [17]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — druckabhängig an- und abschwellende Linien
- [18]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Amtsschrift in Österreich
- [19]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Schweiz bis Anfang des 20. Jahrhunderts
- [20]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Dänisch, Norwegisch, Tschechisch
- [21]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Gotisk skrift bis 1875
- [22]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — für die eigene Sprache verwendet
- [23]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — lateinische Schreibschrift neben der Kurrent
- [24]Kurrent — Wikipedia — Wechsel innerhalb eines Satzes
- [25]Kurrent — Wikipedia — französische Wörter in lateinischer Schrift
- [26]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Sütterlins Überarbeitung ab 1911
- [27]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — zwei Ausgangsschriften für die Schule
- [28]Kurrent — Wikipedia — Sütterlin vereinfacht und aufrecht
- [29]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Feder mit gleichmäßiger Strichstärke
- [30]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — warum Sütterlin forciert eingeführt wurde
- [31]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Begriff kam außer Gebrauch
- [32]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Sütterlin an Schulen ab 1915
- [33]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Österreich blieb bei der Kurrent
- [34]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Bormann-Erlass vom 3. Januar 1941
- [35]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Normalschrifterlass vom 1. September 1941
- [36]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Normalschrift ist lateinisch, aus Sütterlins lateinischer Schrift
- [37]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — nur Normalschrift 1942–1945
- [38]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — nach 1945 gelehrt, aber kaum verwendet
- [39]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Rückgang ab Mitte des 20. Jahrhunderts
- [40]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Familienforscher müssen sie lesen können
- [41]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Rechtsneigung, Schleifen an den Oberlängen
- [42]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Schleifen bei h und z
- [43]Kurrent — Wikipedia — Varianten der Buchstaben
- [44]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — e erinnert an n
- [45]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Umlautpunkte aus dem Kurrent-e
- [46]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — u-Bogen unterscheidet u von n
- [47]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Strich über n oder m
- [48]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Strich zeigt verdoppelten Konsonanten an
- [49]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — lateinische Schrift für Überschriften, Namen, Fremdwörter
- [50]Deutsche Kurrentschrift — Wikipedia (de) — Sütterlin von anderer Kurrent unterscheiden