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Amerikanische Schreibschrift: die Geschichte

4 Min. Lesezeit•1850 — 1950

Alte amerikanische Briefe und Geschäftsbücher sind in Handschriften geschrieben, die man in der Schule lernte und Kontoristen eindrillte. Wer diese Schriften und ihre Fallen kennt, liest die Dokumente leichter.

Inhalt5 Abschnitte

Das Alphabet, von Hand geschrieben

Alle 26 Buchstaben, groß und klein. Jeder führt zu seiner eigenen Seite.

Die englische Round Hand überquert den Atlantik

Die Round Hand ist ein Schreib- und Kalligrafiestil, der in den 1660er-Jahren in England entstand.[1] Man erkennt sie an ihren runden, ovalen Buchstaben, ihrem offenen, fließenden Zug und dem Wechsel von dicken und dünnen Strichen.[2] Zum festen Standard wurde sie durch gedruckte Schreiblehrbücher.[3] Um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sie sich über Europa verbreitet und war über den Atlantik nach Nordamerika gelangt.[4] Aus diesen Schriften ging hervor, was man heute Copperplate nennt.[5]

In Amerika war die als English Roundhand bezeichnete Form bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigste Schulschrift.[6] Bevor es die Schreibmaschine gab, schrieben Berufstätige in Großbritannien und den Vereinigten Staaten ihre Korrespondenz von Hand, in Schreibschrift.[7] Firmen schulten alle ihre Kontoristen darauf, genau dieselbe Schrift zu schreiben.[8]

Spencers Ovale, von 1840 bis in die 1920er-Jahre

Platt Rogers Spencer entwickelte seine Schrift 1840; bald darauf wurde sie an einer Schule gelehrt, die er eigens dafür gegründet hatte.[9] Er wollte einen Stil auf der Grundlage des Ovals, der sich schnell und gut lesbar schreiben ließ.[10] Als Vorbild dienten ihm die Formen glatter Kieselsteine in einem Bach.[11] Die Entwicklung der Schrift hing eng mit dem Aufkommen besserer Stahlfedern zusammen.[12]

Die Spencerian war in den Vereinigten Staaten etwa von 1850 bis 1925 in Gebrauch.[13] Bis sich die Schreibmaschine durchsetzte, war sie der übliche amerikanische Stil für Geschäftsbriefe.[14] Sie wurde sogar zur amtlichen Schrift der Regierungsschreiber.[15] Präsident James A. Garfield nannte sie „the pride of our country and the model of our schools“.[16]

Neben der Copperplate wirken die Kleinbuchstaben der Spencerian zierlicher und sind weniger kräftig schattiert.[17] Die Schrift ist um 52 Grad gegen die Grundlinie geneigt.[18] Spencer starb 1864, und seine Söhne führten sein Werk weiter.[19] Dazu gaben sie sein bis dahin unveröffentlichtes Buch heraus, den Spencerian Key to Practical Penmanship.[20] Es erschien 1866.[21]

Palmer und die Schulschriften des 20. Jahrhunderts

Mit seiner Palmer-Methode wollte Austin Palmer die Spencerian vereinfachen.[22] Die Methode entstand um 1888 und wurde 1894 in seinem Buch Palmer's Guide to Business Writing dargelegt.[23] Sie setzte auf „muscle motion“: Bewegt wurden die körpernäheren Muskeln des Arms, nicht die Finger.[24] Allein 1912 wurden in den Vereinigten Staaten eine Million Exemplare des Lehrbuchs verkauft.[25] Ihre Anhänger rühmten Schlichtheit und Tempo und erklärten, sie sei viel schneller als die Spencerian.[26] Sie behaupteten außerdem, wer so schreibe, könne es mit der Schreibmaschine aufnehmen.[27] Bald war sie das beliebteste Handschriftsystem des Landes.[28]

Daneben entstand die Zaner–Bloser-Methode, beginnend um 1904 am Zanerian College of Penmanship in Columbus, Ohio.[29] Sie lehrt zuerst Druckbuchstaben und danach die Schreibschrift.[30] Ihre Druckbuchstaben stehen aufrecht, ihre Schreibschrift ist geneigt.[31] Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war sie in den USA die verbreitetste Art, Handschrift zu unterrichten.[32] Die Palmer-Methode verlor dagegen in den 1950er-Jahren an Zuspruch.[33]

Die D'Nealian-Methode wurde 1978 eingeführt.[34] Sie ist aus der Palmer-Methode abgeleitet.[35] Ihre Neigung beträgt 85 Grad zur Grundlinie, in Druck- wie in Schreibschrift dieselbe.[36] Der Niedergang der Schreibschrift selbst begann im 20. Jahrhundert, zuerst mit der Schreibmaschine, die bis in die 1920er-Jahre weithin Einzug gehalten hatte.[37] Nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigte der billige Kugelschreiber die Schnörkel, die flüssige Tinte und biegsame Metallfedern erlaubt hatten.[38]

Ein altes amerikanisches Dokument lesen

Die erste Hürde bei einem alten Schriftstück ist schlicht, dass sich die Handschrift im Lauf der Zeit verändert hat.[39] Die bekannteste Falle ist das lange s: ein Buchstabe, der wie ein kleines f aussieht.[40] Wie die National Archives anmerken, kommt es in handschriftlichen und gedruckten Dokumenten bis ins frühe 19. Jahrhundert vor.[41] Die Drucker in den Vereinigten Staaten gaben es zwischen 1795 und 1810 auf.[42] Die Handschrift hielt länger daran fest: Dort überlebte das lange s bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.[43] Die meisten handschriftlichen Beispiele aus dem 19. Jahrhundert setzen es für das erste s eines Doppel-s.[44] In der Handschrift stand es meist nur vor einem runden s.[45]

Nutzen Sie so viele Hinweise aus dem Zusammenhang wie möglich.[46] Auch andere Buchstaben der Zeit können täuschen: Das kleine p hat oft eine viel höhere Oberlänge als ein heutiges p.[47] Sein Bauch kann unten offen sein, sodass es wie ein h aussieht.[48] Manche Schreiber machen ein kleines e, das wie eine spiegelverkehrte 3 aussieht und mitunter „Greek e“ genannt wird.[49] Feste Wendungen wie „Dear Sir“ helfen bei der Orientierung, weil sie selten Überraschungen in der Schreibung bergen.[50] Die National Archives bitten Freiwillige, das lange s in Dokumenten aus der Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts als gewöhnliches s zu transkribieren.[51]

Quellen