
G. E. Lessing an Ewald von Kleist
Deutsch · Kurrent · 14. März 1758 · Deutschland
Wie geschrieben
Liebster Freund,
Morgen geht das Bataillon Garde von hier weg; nach Breßlau, wie man
sagt. Das ist die einzige Neuigkeit, die ich Ihnen von hier melden kan. Oder
wollen Sie noch etwas neues von Gottscheden wißen? Er wird mit dem Be-
fehlshaber unsers Kleists immer bekannter, immer vertrauter. Er hat wieder fran-
zösische Verse gemacht, nebst[?] einer goldenen Tabatiere und einem Ringe.
Er macht gar kein Geheimniß daraus; er ist vielmehr so stolz darauf,
daß er die ganze Unterredung, die er hier mit dem Könige gehabt hat, in
sein Neuestes einrücken laßen. Gott wolle nicht, daß unser Kleist
seinen Patriotismum auch so weit treibt, daß ihm[?] Gottsched durch diese
Bekanntschaft erträglicher[?] wird! Jetzt ist es vielmehr die rechte Zeit, neue
und blutigere Satyren wider ihn zu machen, als man noch je gemacht hat. Und
wenn wir damit zaudern, so wird er uns selbst zuvorkommen. Denn es ist
ganz gewiß, daß er wieder eine neue Aesthetik in einer Nuß drucken
läßt. Ihre neuen Gedichte werden ihm gleich noch zur rechten Zeit gekommen seyn.
Und wenn ich doch nur auch unterdeßen etwas geschrieben hätte, das ich ihm[?]
etwa vorlesen[?] würde! —
Leben Sie wohl, theuerster, liebster Freund und kommen Sie ja bald wie-
der. Ich bin Zeit Lebens
ganz der Ihrige
Leipzig
den 14 März 1758.
Leßing.
Übersetzung · Englisch
Liebster Freund,
Morgen geht das Bataillon Garde von hier weg; nach Breßlau, wie man
sagt. Das ist die einzige Neuigkeit, die ich Ihnen von hier melden kann. Oder
wollen Sie noch etwas neues von Gottscheden wissen? Er wird mit dem Be-
fehlshaber unsers Kleists immer bekannter, immer vertrauter. Er hat wieder fran-
zösische Verse gemacht, nebst[?] einer goldenen Tabatiere und einem Ringe.
Er macht gar kein Geheimnis daraus; er ist vielmehr so stolz darauf,
dass er die ganze Unterredung, die er hier mit dem Könige gehabt hat, in
sein Neuestes einrücken lassen. Gott wolle nicht, dass unser Kleist
seinen Patriotismum auch so weit treibt, dass ihm[?] Gottsched durch diese
Bekanntschaft erträglicher[?] wird! Jetzt ist es vielmehr die rechte Zeit, neue
und blutigere Satiren wider ihn zu machen, als man noch je gemacht hat. Und
wenn wir damit zaudern, so wird er uns selbst zuvorkommen. Denn es ist
ganz gewiss, dass er wieder eine neue Ästhetik in einer Nuss drucken
lässt. Ihre neuen Gedichte werden ihm gleich noch zur rechten Zeit gekommen sein.
Und wenn ich doch nur auch unterdessen etwas geschrieben hätte, das ich ihm[?]
etwa vorlesen[?] würde! —
Leben Sie wohl, teuerster, liebster Freund und kommen Sie ja bald wie-
der. Ich bin Zeit Lebens
ganz der Ihrige
Leipzig
den 14 März 1758.
Leßing.